
Melanie Levensohn über Deutsches Kind
Eine Frau, der ihr Kind genommen wird. Ein Sohn, den dieses Trauma ein Leben lang begleitet: Deutsches Kind erzählt die bewegende Geschichte einer zerrissenen Familie – von den Wirren der deutschen Nachkriegszeit bis ins Kalifornien unserer Tage. Im Interview spricht Melanie Levensohn über die Figuren des Romans und gibt Einblicke in die historischen Hintergründe.
Melanie Levensohn, Ihr Roman beruht auf einem kaum bekannten Kapitel der deutsch-französischen Nachkriegsgeschichte. Wie sind Sie auf diesen historischen Stoff gestoßen?
Vor ein paar Jahren habe ich im Fernsehen die Dokumentation »Frankreichs deutsche Kinder« von Anja Unger gesehen. Der Film beleuchtet ein geheimes französisches Regierungsprogramm, in dessen Rahmen nach dem Zweiten Weltkrieg über 1.500 illegitime Kinder von Deutschland nach Frankreich gebracht und zur Adoption freigegeben wurden. Alles Kinder deutscher Mütter und französischer Besatzungssoldaten, die die französische Regierung für sich beanspruchte, um seine demografisch geschwächte Bevölkerung zu stärken. Einige Mütter gaben ihre Kinder aus schierer Not ab – sie waren verheiratet, hatten nichts zu essen – viele andere wurden dazu gezwungen. 1951 wurde das Programm eingestellt, doch die Adoptionsakten blieben bis 2010 unter Verschluss. Noch während ich den Film sah, wusste ich, dass ich darüber schreiben möchte.
Was hat Sie bei Ihren Recherchen für Ihr Buch besonders überrascht oder erschüttert?
Schockiert haben mich die eugenischen Auswahlkriterien der französischen Chefärztin Dr. Marie Helmer, mit denen sie bestimmte, welches Kind französisch werden durfte und welches nicht. Nur Säuglinge mit einem festgelegten Gewicht kamen für eine Adoption in Frankreich in Frage – leichtere Kinder wurden zurückgewiesen. Auch Erbkrankheiten, Syphilis oder Hörbeeinträchtigungen waren Ausschlusskriterien. Zudem spielte offener Rassismus eine Rolle: Kinder, deren Väter aus Nordafrika stammten, waren in Frankreich unerwünscht und wurden oft nach Algerien oder Marokko abgeschoben.
Vor ein paar Jahren habe ich im Fernsehen die Dokumentation »Frankreichs deutsche Kinder« von Anja Unger gesehen. Der Film beleuchtet ein geheimes französisches Regierungsprogramm, in dessen Rahmen nach dem Zweiten Weltkrieg über 1.500 illegitime Kinder von Deutschland nach Frankreich gebracht und zur Adoption freigegeben wurden. Alles Kinder deutscher Mütter und französischer Besatzungssoldaten, die die französische Regierung für sich beanspruchte, um seine demografisch geschwächte Bevölkerung zu stärken. Einige Mütter gaben ihre Kinder aus schierer Not ab – sie waren verheiratet, hatten nichts zu essen – viele andere wurden dazu gezwungen. 1951 wurde das Programm eingestellt, doch die Adoptionsakten blieben bis 2010 unter Verschluss. Noch während ich den Film sah, wusste ich, dass ich darüber schreiben möchte.
Was hat Sie bei Ihren Recherchen für Ihr Buch besonders überrascht oder erschüttert?
Schockiert haben mich die eugenischen Auswahlkriterien der französischen Chefärztin Dr. Marie Helmer, mit denen sie bestimmte, welches Kind französisch werden durfte und welches nicht. Nur Säuglinge mit einem festgelegten Gewicht kamen für eine Adoption in Frankreich in Frage – leichtere Kinder wurden zurückgewiesen. Auch Erbkrankheiten, Syphilis oder Hörbeeinträchtigungen waren Ausschlusskriterien. Zudem spielte offener Rassismus eine Rolle: Kinder, deren Väter aus Nordafrika stammten, waren in Frankreich unerwünscht und wurden oft nach Algerien oder Marokko abgeschoben.

Der Roman verbindet die Nachkriegsjahre in der Pfalz und in Frankreich mit dem Kalifornien der Gegenwart. Warum war Ihnen diese Mehrstimmigkeit über drei Generationen und verschiedene Länder hinweg wichtig?
Als Autorin fasziniert mich das Zusammenspiel verschiedener Zeitebenen. Es macht sichtbar, dass Verschwiegenes niemals ganz verschwindet und wie tief die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Aber es zeigt auch, wie wir Traumata und Schuld überwinden können, um Heilung zu finden – genau darum geht es in Deutsches Kind. Die Wahl der drei Schauplätze spiegelt meine eigene Biografie wider: Ich habe viele Jahre in Frankreich und sehr lange in Kalifornien gelebt. Diese Orte haben die Handlung und meine Figuren entscheidend geprägt.
Im Zentrum stehen Liese, ihr Sohn Johannes, der später als André lebt, und dessen Enkelin Maya. Wie sind diese drei Figuren entstanden?
Der Film von Anja Unger hat mich dazu inspiriert, das Schicksal eines fiktiven Nachkriegskindes zu erzählen, das im Zuge des Kindertransfers seiner deutschen Mutter entrissen wird und bei Adoptiveltern in Frankreich aufwächst. Damit war die Figur des Johannes geboren. Doch die Geschichte greift weiter: Neben Johannes’ Umgang mit dem Verlust stand für mich die Frage im Zentrum, wie seine Mutter, die ich Liese genannt habe, nach diesem tragischen Einschnitt weiterlebt. Gleichzeitig wollte ich mit der Figur von Maya einen Gegenpol zu Johannes und seiner Entwurzelung schaffen. Maya ist so tief in ihrer Heimat und ihrer Familie verankert, dass sie daran fast erstickt. Sie muss enormen Mut aufbringen, um sich aus diesen engen Banden zu befreien.
Als Autorin fasziniert mich das Zusammenspiel verschiedener Zeitebenen. Es macht sichtbar, dass Verschwiegenes niemals ganz verschwindet und wie tief die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Aber es zeigt auch, wie wir Traumata und Schuld überwinden können, um Heilung zu finden – genau darum geht es in Deutsches Kind. Die Wahl der drei Schauplätze spiegelt meine eigene Biografie wider: Ich habe viele Jahre in Frankreich und sehr lange in Kalifornien gelebt. Diese Orte haben die Handlung und meine Figuren entscheidend geprägt.
Im Zentrum stehen Liese, ihr Sohn Johannes, der später als André lebt, und dessen Enkelin Maya. Wie sind diese drei Figuren entstanden?
Der Film von Anja Unger hat mich dazu inspiriert, das Schicksal eines fiktiven Nachkriegskindes zu erzählen, das im Zuge des Kindertransfers seiner deutschen Mutter entrissen wird und bei Adoptiveltern in Frankreich aufwächst. Damit war die Figur des Johannes geboren. Doch die Geschichte greift weiter: Neben Johannes’ Umgang mit dem Verlust stand für mich die Frage im Zentrum, wie seine Mutter, die ich Liese genannt habe, nach diesem tragischen Einschnitt weiterlebt. Gleichzeitig wollte ich mit der Figur von Maya einen Gegenpol zu Johannes und seiner Entwurzelung schaffen. Maya ist so tief in ihrer Heimat und ihrer Familie verankert, dass sie daran fast erstickt. Sie muss enormen Mut aufbringen, um sich aus diesen engen Banden zu befreien.


Die Schauplätze Herxheim, das Burgund und das Napa Valley sind Landschaften des Weinbaus. Welche Bedeutung kommt dem Weinbau für die Geschichte zu?
Die Kultur des Weins ist ein zentrales Thema in meinem Roman. Für viele Menschen weckt Wein romantische Bilder: sanfte Rebenhügel, alte Holzfässer, Genuss und Entschleunigung. Doch hinter dieser Idylle steht eine harte Realität. In Deutsches Kind möchte ich zeigen, wie existenziell der Klimawandel den Weinbau, die Landwirtschaft und letztlich unser gesamtes Leben bedroht. Dieser Fokus hat einen biografischen Grund: Ich habe fast zehn Jahre lang als Winzerin im Napa Valley gelebt. Vier Jahre in Folge mussten wir vor verheerenden Wildfeuern fliehen, mehrmals haben wir unsere komplette Ernte verloren.
Die Kultur des Weins ist ein zentrales Thema in meinem Roman. Für viele Menschen weckt Wein romantische Bilder: sanfte Rebenhügel, alte Holzfässer, Genuss und Entschleunigung. Doch hinter dieser Idylle steht eine harte Realität. In Deutsches Kind möchte ich zeigen, wie existenziell der Klimawandel den Weinbau, die Landwirtschaft und letztlich unser gesamtes Leben bedroht. Dieser Fokus hat einen biografischen Grund: Ich habe fast zehn Jahre lang als Winzerin im Napa Valley gelebt. Vier Jahre in Folge mussten wir vor verheerenden Wildfeuern fliehen, mehrmals haben wir unsere komplette Ernte verloren.
Der Roman

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Herxheim in der Pfalz, 1948: Sein Name ist alles, was Liese bleibt von ihrem kleinen Sohn: Johannes. Und die Erinnerung an seine blauen Augen. Die hat er von seinem Vater, einem französischen Besatzungssoldaten und Lieses großer Liebe. Von einem gemeinsamen Leben in Paris hatten sie geträumt, bis er aus Deutschland abgezogen wurde und aus ihrem Leben verschwand. Als Johannes zwei Jahre alt ist, wird er im Rahmen eines großangelegten Kindertransfers der französischen Regierung als »französisches« Kind seiner Mutter entrissen und in Frankreich unter neuem Namen zur Adoption freigegeben. Kalifornien, 2026: Johannes, der als André im Burgund aufwuchs, hat sich in den USA ein neues Leben als Winzer aufgebaut. Doch die frühe, schmerzhafte Trennung von seiner liebevollen Mutter hat ihn nie losgelassen. Kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag bittet er seine Enkelin Maya, nach Spuren seiner Mutter zu suchen.
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Zuletzt aktualisiert am 17.09.2026





