Volker Perthes, was bedeutet »Multipolarisierung« – und wie verändert sie globale Politik und Konflikte? | Multipolarisierung kurz erklärt
Alte Gewissheiten bröckeln und politische Steuerungsfähigkeit müssen neu ausgehandelt werden: In seinem Buch Die Multipolarisierung der Welt analysiert der Politikwissenschaftler und ehemalige UN-Diplomat Volker Perthes, warum die übersichtliche Ordnung der 1990er Jahre Vergangenheit ist und weshalb weder internationale Organisationen noch einzelne Großmächte heute globale Konflikte wirksam eindämmen können. Perthes zeigt, dass sich die Weltpolitik nicht mehr entlang eines dominierenden Machtzentrums organisiert, sondern von mehreren starken Polen geprägt ist. Anhand von Beispielen aus dem Nahen Osten und Südostasien erläutert er die wachsende Bedeutung regionaler Mittelmächte und diskutiert, welche Rolle Europa in einer Welt spielen kann, in der wirtschaftliche Stärke allein nicht mehr ausreicht, um politisch handlungsfähig zu bleiben.
Im Video beantwortet Volker Perthes Fragen zu seinem neuen Buch.
Im Video beantwortet Volker Perthes Fragen zu seinem neuen Buch.
Ein Wegweiser durch die neu entstehende Weltordnung
Volker Perthes, ehemaliger UN-Diplomat und langjähriger Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, bietet mit seinem Essay Einordnung und Überblick. Wir leben in einer von Multipolarisierung geprägten Zeit. Nach dem Kalten Krieg und der Pax Americana dominieren heute fünf starke Pole die Weltpolitik, neben den USA und China auch die EU, Russland und Indien. Regionale Mittelmächte, das zeigt Perthes an den Beispielen Naher Osten und Südostasien, können diese großen Akteure gegeneinander ausspielen und ihre eigene nahe Umwelt durchaus gestalten. In dieser Lage muss die EU ihre Handlungsfähigkeit stärken, wenn sie nicht zwischen anderen Polen polarisiert werden will.
Volker Perthes im Interview
Was meinen Sie mit »Multipolarisierung« – und warum beschreibt dieser Begriff die heutige Weltordnung besser als klassische Modelle wie Unipolarität oder Bipolarität?
Multipolarisierung heißt erstmal, dass es ein geopolitisches Kraftfeld gibt, in dem mehr als ein Pol oder mehr als ein Zentrum existiert. Wir haben früher den Kalten Krieg erlebt, das war eine klassische bipolare Situation, also zwei große Mächte, zwei große Staaten, die zwar nicht alles bestimmt haben in der Welt, aber nach denen viele Staaten in der Welt sich ausgerichtet haben. Dann haben wir nach dem Ende des Kalten Kriegs einen kurzen Moment der Unipolarität gehabt, als die USA die überragende Macht war, nach der sich alle mehr oder weniger ausgerichtet haben. Heute haben wir eine Situation, wo wir sowohl auf globaler als auch auf regionaler Ebene multiple Zentren haben, die sind zwar ungleich stark, ungleich mächtig, aber keine dieser Mächte kann alles regeln.
Multipolarisierung heißt erstmal, dass es ein geopolitisches Kraftfeld gibt, in dem mehr als ein Pol oder mehr als ein Zentrum existiert. Wir haben früher den Kalten Krieg erlebt, das war eine klassische bipolare Situation, also zwei große Mächte, zwei große Staaten, die zwar nicht alles bestimmt haben in der Welt, aber nach denen viele Staaten in der Welt sich ausgerichtet haben. Dann haben wir nach dem Ende des Kalten Kriegs einen kurzen Moment der Unipolarität gehabt, als die USA die überragende Macht war, nach der sich alle mehr oder weniger ausgerichtet haben. Heute haben wir eine Situation, wo wir sowohl auf globaler als auch auf regionaler Ebene multiple Zentren haben, die sind zwar ungleich stark, ungleich mächtig, aber keine dieser Mächte kann alles regeln.
Sie zeigen, dass Multipolarisierung nicht nur globale Machtzentren betrifft, sondern auch regionale Dynamiken verstärkt. Welche Rolle spielen dabei sogenannte Mittelmächte?
Multipolarisierung findet auf den unterschiedlichsten Ebenen der Weltpolitik statt. Und manchmal muss man sich klar machen, dass die Mehrheit der Staaten in dieser Welt eben keine Großmächte sind, sondern kleinere und mittlere Staaten oder Mächte. Und gerade wenn die großen oder einige der globalen Mächte Ordnungen missachten, Völkerrecht mit Füßen treten, dann wird die Rolle der mittleren Mächte besonders wichtig, weil sie Gestaltungskraft haben, gleichzeitig aber viel stärker als die ganz großen Mächte auf Zusammenarbeit mit anderen angewiesen sind und das auch als ihr Kerninteresse betrachten. Die Bundesrepublik Deutschland hat vor einigen Jahren mal etwas gestartet, das nannte sich Allianz für den Multilateralismus, aber letztlich war es eine Allianz mittlerer Mächte. Wir haben jetzt zuletzt gesehen, dass der kanadische Ministerpräsident Carney in Davos davon gesprochen hat, dass die Mittelmächte stärker zusammenarbeiten müssen, um die globalen Mächte in Schach zu halten, beziehungsweise das Aufrecht zu erhalten an Ordnung, an internationaler Ordnung, an Völkerrecht, was die großen Mächte zum Teil missachten.
Welche Herausforderungen birgt die Multipolarisierung der Welt für die internationale Kooperation, insbesondere für Institutionen wie die Vereinten Nationen?
In der Tat ist die Multipolarisierung in erster Linie eine Herausforderung. Und wenn wir jetzt mal an das Wort gehen: die große Herausforderung ist die Polarisierung zwischen unterschiedlichsten Mächten, während das Multiple – oder die Tatsache, dass viele Mächte, vor allem sehr viel mehr kleinere, mittlere Staaten, mehr Macht haben als in einer bipolaren Konstellation – auch Chancen bietet. Ich denke, wenn man realistisch an die Konstellationen in verschiedenen Regionen der Welt herangeht, wie ich das in dem Buch tue, dann wird man sehen, dass es eine Reihe von mittleren Mächten oder auch kleineren Mächten gibt, die die Chancen der Multipolarisierung überschätzen: Eben weil sie glauben, sie können jetzt mit jedem Handel treiben, mit jedem sicherheitspolitische Beziehungen haben, sie müssten sich vielleicht auch nicht an internationales Recht gebunden fühlen, wenn die USA oder Russland oder China das nicht tun. Dabei übersehen sie aber, dass auch eine multipolare Ordnung sehr, sehr hierarchisch ist. Wir sehen das in Europa zum Beispiel im Blick auf die NATO, dass Bündnisse, die es gibt, nicht mehr so verbindlich sind, dass es ohnehin weniger Verbindlichkeit, weniger Gewissheit gibt. Das erfordert sehr flexibles Agieren und ist im Ergebnis eine Herausforderung, an die sich viele Staaten, unter anderem auch wir in Deutschland, in der Europäischen Union, erst gewöhnen müssen.
Wie spiegelt sich die Multipolarisierung der Welt in aktuellen Konflikten, z. B. dem Krieg in der Ukraine?
Ich denke, der Ukrainekrieg ist durchaus ein Konfliktfeld, in dem sich zeigt, was eine multipolare und multipolarisierte Welt an Herausforderungen birgt. Zuerst sehen wir hier einmal, dass die Europäer hier diejenigen sind, die die größten finanziellen Lasten in der Unterstützung der Ukraine tragen. Das wäre in einer Welt, die durch klassische Allianzmuster geprägt wäre, wie die bipolare Ordnung des Kalten Krieges, einfach nicht der Fall. Also größere Herausforderungen für die regionale Gemeinschaft oder für die regionalen Nachbarn der Ukraine. Wir sehen auch, dass eine absteigende Großmacht wie Russland sich überhaupt nicht mehr an internationale Ordnung und Völkerrecht gebunden fühlt. Und dass andere Staaten in der Welt, von der Großmacht USA angefangen, über viele mittlere Mächte wie Indien oder Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate oder Israel, bereit sind zu kompartmentalisieren. Das heißt, sie mögen durchaus Kritik haben am russischen Vorgehen in der Ukraine, aber gleichzeitig wollen sie sich vorteilhafte Beziehungen mit Russland nicht nehmen lassen. Und dann sehen wir einen Staat wie die Türkei beispielsweise, NATO-Mitglied auf der einen Seite, Unterstützer der Ukraine, zeitweise auch Vermittler, aber gleichzeitig mit einem großen Interesse dem BRICS-Bündnis beizutreten und immer dazu bereit, vorteilhafte wirtschaftliche Beziehungen aus Russland wahrzunehmen.
Europa erscheint in Ihrem Buch als wirtschaftlich starker, aber politisch unvollständiger Pol. Welche Handlungsoptionen hat die EU in einer multipolarisierten Welt?
Europa ist wirtschaftlich nicht nur stark, es ist die zweitstärkste Wirtschaftsmacht der Welt, setzt aber seine wirtschaftliche Kraft nicht in dem Maße in politischen und geopolitischen Einfluss um, wie es in einer multipolarisierten Welt notwendig wäre. Wir haben ganz viele Trümpfe in Europa. Da besteht immer die Gefahr, dass man sich darauf ausruht, also auf der Wirtschaftskraft, die gewachsen ist, die Anziehungskraft, die Europa hat als kultureller Standort, die Anziehungskraft für Studenten, Studentinnen aus der gesamten Welt oder auch für Arbeitskräfte oder für Migranten und Migrantinnen. Gleichzeitig sehen wir, dass andere Staaten auch wachsen, zum Teil flexibler sind, zum Teil sich schneller bewegen. Und die militärische, die sicherheitspolitische Kraft Europas wird deshalb nicht genutzt in dem Maße, wie es möglich wäre, weil wir eben 27 Einzelstaaten sind, die auch zum Teil ihre einzelnen Interessen vertreten.
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