Friedrich Ani
Die Raben von Ninive - Balladen und andere Gedichte


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Gepl. Erscheinen: 17.08.2020
suhrkamp taschenbuch 5067, Gebunden, 96 Seiten
ISBN: 978-3-518-47067-1

Inhalt

Auch als Lyriker genießt Friedrich Ani Anerkennung und Bewunderung. Jetzt hat er sich einer besonderen Gedichtform gewidmet, den Balladen - und es ist nicht zu weit hergeholt, sie in die Tradition von Brecht und Biermann zu rücken. Es gelingt ihm in diesem populären Genre, die aktuellen politischen Ängste, die Bedürfnisse des Populus anzusprechen, teils zu bestärken, teils zurückzuweisen, teils zu bekämpfen. Balladen sind für ihn also eine Kunstform, in der er politisch werden kann, ohne sich agitatorisch zu verhalten. Politisch kann er jedoch nur werden, wenn er die privatesten Umstände seiner Existenz beleuchtet und enthüllt. In ihrer Verschränktheit von Öffentlichkeit und Privatheit belegen diese Gedichte die Gegenwärtigkeit von Balladendichtung und zugleich Friedrich Anis poetische Kunst.

Ballade von einer Geflüchteten

Sie lag in einem fremden Land
an einem fremden Ort,
in einem fremden Haus.
Sie lag in einem fremden Bett,
sie kurierte eine Krankheit aus
in einem eisernen Korsett.
Verseucht von Krieg und Mord,
loderte in ihr der Brand.

Sie lag in einem fremden Land,
in einer Nacht aus Glut,
sie schrie, und niemand kam.
Sie wand sich wund in ihrem Schmerz.
»Hörst du, Herrgott, wie ich fleh aus Scham:
Mein Herz verwandle du in Erz,
und ich, verrückt vor Wut,
wäre endlich leergebrannt.«

Sie lag in einem fremden Land.
Ein Fremder war der Vater
des Kindes an der Brust.
Er war verschwunden, wie das Leben
vorher, ihre Mutter hat's gewusst:
»Du hast dich falscher Lust ergeben,
die Zukunft ist ein Krater
ohne Licht und ohne Rand.«

Sie sitzt in einem fremden Land
auf einer grünen Bank
an einem hellen Tag.
Die Zeit ist neu und sie die Frau
eines Dorfgendarms vom alten Schlag.
Am Abend ...

Inhalt

Auch als Lyriker genießt Friedrich Ani Anerkennung und Bewunderung. Jetzt hat er sich einer besonderen Gedichtform gewidmet, den Balladen – und es ist nicht zu weit hergeholt, sie in die Tradition von Brecht und Biermann zu rücken. Es gelingt ihm in diesem populären Genre, die aktuellen politischen Ängste, die Bedürfnisse des Populus anzusprechen, teils zu bestärken, teils zurückzuweisen, teils zu bekämpfen. Balladen sind für ihn also eine Kunstform, in der er politisch werden kann, ohne sich agitatorisch zu verhalten. Politisch kann er jedoch nur werden, wenn er die privatesten Umstände seiner Existenz beleuchtet und enthüllt. In ihrer Verschränktheit von Öffentlichkeit und Privatheit belegen diese Gedichte die Gegenwärtigkeit von Balladendichtung und zugleich Friedrich Anis poetische Kunst.

Ballade von einer Geflüchteten

Sie lag in einem fremden Land
an einem fremden Ort,
in einem fremden Haus.
Sie lag in einem fremden Bett,
sie kurierte eine Krankheit aus
in einem eisernen Korsett.
Verseucht von Krieg und Mord,
loderte in ihr der Brand.

Sie lag in einem fremden Land,
in einer Nacht aus Glut,
sie schrie, und niemand kam.
Sie wand sich wund in ihrem Schmerz.
»Hörst du, Herrgott, wie ich fleh aus Scham:
Mein Herz verwandle du in Erz,
und ich, verrückt vor Wut,
wäre endlich leergebrannt.«

Sie lag in einem fremden Land.
Ein Fremder war der Vater
des Kindes an der Brust.
Er war verschwunden, wie das Leben
vorher, ihre Mutter hat’s gewusst:
»Du hast dich falscher Lust ergeben,
die Zukunft ist ein Krater
ohne Licht und ohne Rand.«

Sie sitzt in einem fremden Land
auf einer grünen Bank
an einem hellen Tag.
Die Zeit ist neu und sie die Frau
eines Dorfgendarms vom alten Schlag.
Am Abend schlägt sie oft Radau,
betrunken, wirr und krank.
»Mörder!«, schreit sie. »An die Wand!«

Sie hat sich selbst nicht mehr erkannt.
Ihr Mann, der Polizist,
vertrieb sie aus dem Haus.
Ihr Sohn war längst schon weggerannt
und probierte seine Freiheit aus.
Sie starb in einem fremden Land,
verbannt und unvermisst,
ohne Licht und leergebrannt.

 

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