Robert Menasse: Glaube an Europa
Robert Menasse hat am 30. Mai 2023 im Rahmen der Reihe »Literatur zur Nacht« der Europäischen Stiftung im Aachener Dom eine Predigt mit dem Titel Glaube an Europa gehalten.
Wir freuen uns, Ihnen die gesamte Rede hier frei zugänglich anbieten zu können.
Wir freuen uns, Ihnen die gesamte Rede hier frei zugänglich anbieten zu können.
Brüder und Schwestern!
Ich erlaube mir diese Anrede, weil ich sie grundsätzlich schön und just an diesem Ort besonders sinnig finde, nämlich in einer Kirche, wo ja seit jeher der Anspruch gelebt wird, dass die Menschen einander Brüder und Schwestern sein mögen. Aber wenn ich »an diesem Ort« sage, meine ich nicht nur den Aachener Dom, ich meine Aachen, die Europa-Stadt, mit ihrer kräftigen Herzwurzel in der europäischen Geschichte und ihren neugierigen Fühlern in die europäische Zukunft. Und wird nicht in der Europahymne, der Ode an die Freude, versprochen, dass alle Menschen Brüder werden? Frauen als Schwestern zweifellos mitgemeint.
Als ich eingeladen wurde, im Aachener Dom zu sprechen, war mein erster Gedanke: Oh mein Gott! Ich soll eine Predigt halten! Will ich das? Kann ich das?
Und dann fiel mir eben ein (und ich fand googelnd dafür einige Beispiele), dass Prediger die Gläubigen mit »Brüder und Schwestern« ansprechen, und das gefällt mir, da will ich mich einreihen, so können wir uns verständigen, jedenfalls will ich nicht ein Redner sein, der die Gläubigen »Schäfchen« nennt.
Brüder und Schwestern! Jetzt habe ich euch auch als Gläubige apostrophiert, und das war vielleicht unangemessen, zumindest voreilig, denn ich werde hier Wahrheiten predigen, denen gegenüber ihr zunächst vielleicht skeptisch eingestellt seid, und ich will ja erst bewirken, dass ihr glaubt. Ich will über Europa reden, just hier, in der Europa-Stadt Aachen, euch abbringen von Irrwegen, zur Umkehr aufrufen, den rechten Weg vorschlagen, euch zum Glauben an unser Europa verführen, auch und erst recht wenn dies zunächst dem zu widersprechen scheint, was ihr glaubt.
Brüder und Schwestern, ich nehme an, dass ihr euch durchaus als »proeuropäisch« bezeichnet, aber ich sage euch, dass das eine Phrase ist, und das Erste, was wir überwinden müssen, um wahrhaftig und konstruktiv über Europa reden zu können, ist diese phrasenhafte Sprache, zu der man schnell nicken kann, statt Nein zu sagen zu der Praxis, die sich dahinter versteckt.
Ich erlaube mir diese Anrede, weil ich sie grundsätzlich schön und just an diesem Ort besonders sinnig finde, nämlich in einer Kirche, wo ja seit jeher der Anspruch gelebt wird, dass die Menschen einander Brüder und Schwestern sein mögen. Aber wenn ich »an diesem Ort« sage, meine ich nicht nur den Aachener Dom, ich meine Aachen, die Europa-Stadt, mit ihrer kräftigen Herzwurzel in der europäischen Geschichte und ihren neugierigen Fühlern in die europäische Zukunft. Und wird nicht in der Europahymne, der Ode an die Freude, versprochen, dass alle Menschen Brüder werden? Frauen als Schwestern zweifellos mitgemeint.
Als ich eingeladen wurde, im Aachener Dom zu sprechen, war mein erster Gedanke: Oh mein Gott! Ich soll eine Predigt halten! Will ich das? Kann ich das?
Und dann fiel mir eben ein (und ich fand googelnd dafür einige Beispiele), dass Prediger die Gläubigen mit »Brüder und Schwestern« ansprechen, und das gefällt mir, da will ich mich einreihen, so können wir uns verständigen, jedenfalls will ich nicht ein Redner sein, der die Gläubigen »Schäfchen« nennt.
Brüder und Schwestern! Jetzt habe ich euch auch als Gläubige apostrophiert, und das war vielleicht unangemessen, zumindest voreilig, denn ich werde hier Wahrheiten predigen, denen gegenüber ihr zunächst vielleicht skeptisch eingestellt seid, und ich will ja erst bewirken, dass ihr glaubt. Ich will über Europa reden, just hier, in der Europa-Stadt Aachen, euch abbringen von Irrwegen, zur Umkehr aufrufen, den rechten Weg vorschlagen, euch zum Glauben an unser Europa verführen, auch und erst recht wenn dies zunächst dem zu widersprechen scheint, was ihr glaubt.
Brüder und Schwestern, ich nehme an, dass ihr euch durchaus als »proeuropäisch« bezeichnet, aber ich sage euch, dass das eine Phrase ist, und das Erste, was wir überwinden müssen, um wahrhaftig und konstruktiv über Europa reden zu können, ist diese phrasenhafte Sprache, zu der man schnell nicken kann, statt Nein zu sagen zu der Praxis, die sich dahinter versteckt.
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