
Svenja Leiber über ihren Roman Nelka
Welche Spuren haben die gewaltvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts und Zwangsarbeit hinterlassen? In ihrem neuen Roman erzählt Svenja Leiber von Frauen, deren Wissen und Körper ausgebeutet wurden, die sich in Freundschaft verbanden und sich so gegen Erniedrigung und Brutalität stemmten. Im Nachwort spricht die Autorin über die Entstehung von Nelka und gibt Einblick in die historischen Hintergründe.


Nachwort
Im Garten meines Elternhauses steht ein Apfelbaum. Er ist achtzig Jahre alt und der letzte seiner Art. Über die Herkunft des Baumes wusste ich lange nichts.
Im Dorf gab es immer Geschichten. Auch solche, die unter den Kindern kursierten. Von Frauen, die man in einen Entenstall sperrte; von einer blutenden Arbeiterin auf einem Kartoffelacker; vom Müller, der einen Mann erhängte; und von dem Jungen, der im unterirdischen Speicher eines nahen Gutes verschwand.
So vage und unzusammenhängend die Geschichten waren, so sehr war ihnen ein Wort gemein, ein Wort, das eine scheinbare Zusammengehörigkeit der Begriffe »Polen« und »placken« herzustellen schien, als gehörten sie in irgendeiner Weise zueinander.
Alles beginnt mit Sprache. Der tausendfache Missbrauch, der Zwang und die Morde durch Arbeit begannen mit Sprache. Mit der Einübung in die Unmenschlichkeit durch die Versprachlichung unmenschlicher Gedanken.
Schon im 19. Jahrhundert entstand ein nationales Selbstbild von deutscher Arbeitsmoral, das seinen Höhe- und vor allem Tiefpunkt im Nationalsozialismus fand, ohne mit dem Untergang desselben ebenfalls zu verschwinden (Axster u. Lelle 2018).
»Wie sich deutscher Geist in deutscher Arbeit kundgibt«, versuchte, neben anderen, schon Wilhelm Heinrich Riehl in seinem 1883 veröffentlichten Nachdenken über deutsche Arbeit zu betonen. Die Selbstbeschreibung als fleißiges und gut arbeitendes Volk diente der nationalen Selbstvergewisserung und scheint bis heute zu wirken. Die Gegenbilder waren schon damals »Schmarotzer«, »Arbeitsscheue« oder »Parasiten«. Vor allem im Rahmen der antisemitischen, antiziganistischen und antislawischen »Rassentheorie« wurden diese abwertenden Gegenbilder konstruiert und verbreitet, um, in grausamer Umkehrung, ebendiese Gruppen später für sich arbeiten zu lassen und sie durch Arbeit zu vernichten.
Es wird heute angenommen, dass rund 20 Millionen Menschen für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten, sowohl im »Deutschen Reich« als auch in den besetzten Gebieten (Knigge, Lüttgenau u. Wagner 2010). Ohne die von ihnen geleistete schwerste und oft tödliche Arbeit wäre sowohl die Ernährung als auch die Bewaffnung der Deutschen während des Krieges nicht möglich gewesen. Große Teile des Reichtums von Industriellen-Familien und Unternehmen beruhen auf einst geleisteter Zwangsarbeit.
Eine eigene Rolle nehmen in diesem Kontext Frauen und ihre Körper ein.
Selbstverständlich war den Nationalsozialisten bewusst, dass die Verschleppung junger Menschen ins »Reich« zur Folge haben würde, dass sich die abwertende, dämonisierende Beschreibung der verschiedenen Gruppen als »unwert«, »faul« und »schlechtartig« in der Anschauung und Begegnung nicht bewahrheiten würde. Um zu verhindern, dass sich engere Verbindungen bildeten, die der Rassenideologie gefährlich hätten werden können, verhängte man für freundschaftlichen Umgang, erst recht aber für nähere, vor allem auch körperliche Kontakte daher hohe Strafen. Dabei wurden die deutschen Frauen viel empfindlicher und erniedrigender bestraft als die Männer. Gegen sexualisierte Gewalt, wozu auch erzwungene Nacktheit vor Wachleuten und untersuchenden Ärzten zu zählen ist (Halbmayr 2009), waren die aus ihren Heimatländern verschleppten Mädchen und Frauen hingegen so gut wie gar nicht geschützt. Wurden sie schwanger, gönnte man ihnen kaum Mutterschutz und setzte ihre Neugeborenen zum Teil so schlimmen Bedingungen aus, dass viele nicht überlebten (Spoerer 2002). So genannte »gutrassige« Kinder wurden ab 1943 in spezielle Pflegeheime überwiesen, um sie zu »deutschen« Kindern zu machen. Sie wurden ihren Müttern de facto geraubt.
Auch in dem erwähnten Dorf und in der Umgebung waren Arbeit und der dazugehörige Fleiß das Maß, mit welchem der Wert und das Ansehen eines Hofes bemessen wurden.
Dass kaum einer der Höfe den Krieg ohne die Arbeit der Zwangsarbeiter:innen überstanden hätte, war den Beteiligten zwar vielleicht bewusst, es wurden aber später keine Schlüsse daraus gezogen, erst recht keine verbindlichen. Die Opfer waren verschwunden. Und mit ihnen vermeintlich auch alle Schuld und alle Schulden.
Dabei war die Zahl der zur Arbeit gezwungenen Menschen in der Region sehr hoch.
In der Momentaufnahme vom 15. 11. 1943 stellten 128 320 Zwangsarbeiter:innen knapp ein Viertel der Arbeitskräfte in Schleswig-Holstein. 49 626 waren zu diesem Zeitpunkt in der Landwirtschaft eingesetzt. So die Zahlen der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte. Nach groben Schätzungen geht man insgesamt von bis zu 225 000 Zwangsarbeitenden in Schleswig-Holstein während der NS-Zeit aus.
In den 1990er Jahren erreichte unsere Nachbarin ein Brief aus der Ukraine. Eine Frau schilderte darin unter anderem ihre Zeit in jenem Haus, das wir seit 1980 bewohnten. Sie beschrieb, wie sie, fünfzehnjährig, während des Zweiten Weltkriegs dort zu arbeiten hatte.
Ich zog damals gerade aus und verlor die Sache vorerst aus den Augen, wenngleich ich während meines Studiums wieder und wieder durch Osteuropa reiste in dem Versuch, etwas von dem, was von deutscher Seite dort verbrochen worden war, in seiner Dimension wenigstens ansatzweise nachzuvollziehen.
Vor gut zwei Jahren kam ich bei einem Besuch in meinem Elternhaus zufällig mit einem der älteren Anwohner aus der Gegend über den Apfelbaum ins Gespräch und darüber, wie man ihn verjüngen könnte. Erst da erfuhr ich, dass sogar dieser Baum, wie viele andere, von Kriegsgefangenen gepflanzt worden war. Ukrainerinnen, Polinnen, Franzosen, Russen – überall hätten sie arbeiten müssen, erzählte er. Wo sie gewohnt hatten und was aus ihnen geworden war, wusste er nicht. Aber mehr als hundert von ihnen hätten wohl zu einem der nahe gelegenen Güter gehört.
Ich begann mit der Recherche zu den Bäumen und zu den Menschen, die sie pflanzen mussten. Da der Brief aus der Ukraine nicht erhalten ist und die früheren Bewohner des Hauses schon lange verstorben sind, weitete sich meine Suche immer mehr aus und verließ den Ort schließlich ganz.
Der entstandene Roman, Nelka, ist selbstverständlich fiktiv. Er spielt nicht in jenem Dorf, er erzählt keine Geschichte, die sich dort so zugetragen hat, sondern eine, die sich in der ganzen Gegend, im ganzen Land zugetragen haben könnte. Er ist eine Annäherung, auch wenn ich weiß, ich komme nie an, ich kann nur hindeuten, verweisen, auf die polnischen und ukrainischen Frauen, deren Hände große Teile der Landschaft mitgeformt haben. Ich kann diese Landschaft nicht mehr betrachten, ohne an die Frauen zu denken. Sie trägt ihre Zeichen. Es ist auch ihre Landschaft. Es ist auch die Landschaft von Margaryta, Schura und Nelka.
Berlin, September 2025



Alle Fotos: © Svenja Leiber
Der Roman

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Lemberg, 1941. Die sechzehnjährige Nelka wird von Soldaten aufgegriffen und mit zahlreichen Mädchen und Frauen nach Westen verschleppt. Auf einem norddeutschen Gutshof werden sie zu schwerer Arbeit gezwungen. Ihr Vater hatte Nelka früh im Obstbau unterrichtet, und schon als Kind hatte sie ihm beim Veredeln der Apfelbäume geholfen. Dank dieses Wissens kann sie sich anfänglich der Zudringlichkeit des Gutsverwalters erwehren. Sie plant den Apfelanbau für ihn, und die Plantagen bescheren ihm nach dem Krieg ein Vermögen. Jahrzehnte später kehrt Nelka an den Ort ihres Leidens zurück. Sie will, dass Marten sich an das erinnert, wovon sie selbst sich endlich befreien muss.
Welche Spuren die gewaltvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts und Zwangsarbeit hinterlassen haben, bis in die Gegenwart und Landschaften hinein, das macht Svenja Leiber in ihrem neuen Roman sichtbar. Sie erzählt von Frauen, deren Wissen und Körper ausgebeutet wurden, die sich in Freundschaft verbanden und sich so gegen Erniedrigung und Brutalität stemmten. Nelka beleuchtet ihre Schicksale hellwach und sensibel – und bewahrt die Erinnerung an sie.
Welche Spuren die gewaltvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts und Zwangsarbeit hinterlassen haben, bis in die Gegenwart und Landschaften hinein, das macht Svenja Leiber in ihrem neuen Roman sichtbar. Sie erzählt von Frauen, deren Wissen und Körper ausgebeutet wurden, die sich in Freundschaft verbanden und sich so gegen Erniedrigung und Brutalität stemmten. Nelka beleuchtet ihre Schicksale hellwach und sensibel – und bewahrt die Erinnerung an sie.
Stimmen zum Roman
»Nelka ist ein Roman, den man nicht wieder vergisst: eine eindrückliche Suche nach literarischer Gerechtigkeit.«
Daniela Dröscher
»Von der ersten Seite an war ich verzaubert, so herzzerreißend, so traurig und doch federleicht erzählt Svenja Leiber von Nelka. Eine Geschichte über Widerstand und Mut in Zeiten tiefster Dunkelheit.«
Kristine Bilkau
»Svenja Leiber steigt in die Abgründe der Geschichte Mitteleuropas, mit nichts als ihrer kompromisslos genauen Sprache. Mit ihr vermisst sie das Wesen der Menschen. Dabei entsteht die vielleicht einzig wahre Poesie – die des Widerstands gegen die Unmenschlichkeit und das Vergessen. Und damit auch eine Poesie der Hoffnung.«
Matthias Nawrat
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