Dževad Karahasan: Bücher und Leben
»Karahasan errichtete Welten jenseits der Raster und der Sprache der Zeitgeschichte.«
Lothar Müller
Dževad Karahasan zählte zu den bedeutendsten europäischen Autoren der Gegenwart. Sein umfangreiches Werk umfasst Romane, Essays, Erzählungen und Theaterstücke, die vielfach ausgezeichnet wurden, u. a. mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung 2004 und mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt 2020. Dževad Karahasan verstarb am 19. Mai 2023 im Alter von 70 Jahren in Graz. Noch zu Lebzeiten nominiert, wurde er »für sein leidenschaftliches Eintreten für Toleranz und Humanität« 2023 posthum mit dem Fritz-Csoklich-Demokratiepreis ausgezeichnet.
Beliebte Werke von Dževad Karahasan
ÜBER DŽEVAD KARAHASAN
»Das offene und heimliche Zentrum seines Denkens und Erzählens blieb das belagerte Sarajevo, wie ... sein erst im vergangenen Januar erschienener Roman Einübung ins Schweben.«
Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel
»Karahasan errichtete Welten jenseits der Raster und der Sprache der Zeitgeschichte.«
Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung
»Sein vielstimmiges und vielgestaltiges Werk ist Ausdruck eines tiefen Vertrauens in die Erzählbarkeit und damit Entgiftbarkeit der Welt.«
Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung
»Kaum ein anderer verkörperte die „bosnische Seele“ – bosanska duša – so wie er.«
Erich Rathfelder, taz. die tageszeitung
»Sein Ton war unverwechselbar. Sein Schreiben philosophiosch grundiert. Dževad Karahasan kannte die Menschen und begegnetet ihnen trotzdem gütig und mit Humor.«
Cornelia Zetzsche, deutschlandfunk.de
DER ABWESENDE ZEITZEUGE
Laudatio auf Dževad Karahasan
anlässlich der Verleihung der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft
von Lothar Müller
Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.
Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern;
Täglich ward er bleich und bleicher.
Eines Abends trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
»Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft!«
Und der Sklave sprach: »Ich heiße
Mohamet, ich bin aus Yemmen,
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.«
In Frankreich, in Stendhals »De l’Amour«, hat Heinrich Heine die arabische Quelle gefunden, aus der er schöpfte. In Südosteuropa wurde sein Gedicht zum Lied. Dževad Karahasan hat es von einem Patienten gehört, als er während der Kriegsmonate in einem Krankenhaus aushalf. So erzählt er es in seinem »Tagebuch der Aussiedlung« von 1993. Der Kranke glaubte ein bosnisches Volkslied zu singen, denn, so fährt Karahasan fort, »es gibt viele solcher Lieder, die – in Wien auf Verse deutscher oder österreichischer Dichter komponiert – mit der österreichischen Verwaltung zusammen nach Bosnien kamen. Sie wurden als ›österreichische Sevdalinkas‹ angenommen, und noch heute werden sie von den bosnischen Menschen gesungen, die sie lieben und die glauben, dass diese Gedichte etwas von ihnen und ihrem Weltverständnis aussagen. Die Bosnier wissen, dass es sich um keine Originale, um keine »echten Sevdalinkas« handelt, aber sie lieben sie, singen sie und sehen sie als ihre Lieder an. Das sind sie auch unbestritten, denn sie gehören zu Bosnien, sie sind ein Bild des Bosnien, wie ich es habe, so wie mein Bild die Vorstellung eines anderen Menschen von mir ist, mein Bild in seinen Augen.«
anlässlich der Verleihung der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft
von Lothar Müller
In Heinrich Heines »Romanzero« findet sich im Zyklus »Historien«, in der Nachbarschaft von Richard Löwenherz, der aus der österreichischen Haft zurückkehrt, und des letzten Maurenkönigs, der 1492 den Abschiedsblick auf seine von den Christen eroberte Residenz Granada wirft, das Gedicht »Der Asra«:
Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.
Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern;
Täglich ward er bleich und bleicher.
Eines Abends trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
»Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimat, deine Sippschaft!«
Und der Sklave sprach: »Ich heiße
Mohamet, ich bin aus Yemmen,
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben, wenn sie lieben.«
In Frankreich, in Stendhals »De l’Amour«, hat Heinrich Heine die arabische Quelle gefunden, aus der er schöpfte. In Südosteuropa wurde sein Gedicht zum Lied. Dževad Karahasan hat es von einem Patienten gehört, als er während der Kriegsmonate in einem Krankenhaus aushalf. So erzählt er es in seinem »Tagebuch der Aussiedlung« von 1993. Der Kranke glaubte ein bosnisches Volkslied zu singen, denn, so fährt Karahasan fort, »es gibt viele solcher Lieder, die – in Wien auf Verse deutscher oder österreichischer Dichter komponiert – mit der österreichischen Verwaltung zusammen nach Bosnien kamen. Sie wurden als ›österreichische Sevdalinkas‹ angenommen, und noch heute werden sie von den bosnischen Menschen gesungen, die sie lieben und die glauben, dass diese Gedichte etwas von ihnen und ihrem Weltverständnis aussagen. Die Bosnier wissen, dass es sich um keine Originale, um keine »echten Sevdalinkas« handelt, aber sie lieben sie, singen sie und sehen sie als ihre Lieder an. Das sind sie auch unbestritten, denn sie gehören zu Bosnien, sie sind ein Bild des Bosnien, wie ich es habe, so wie mein Bild die Vorstellung eines anderen Menschen von mir ist, mein Bild in seinen Augen.«
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Laudatio auf Dževad Karahasan von Lothar Müller (Heine Ehrengabe)Interview mit dem Autor (Deutschlandradio Kultur)Laudatio zur Verleihung des Franz Nabl-Preises 2017Zum Nachruf von Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung Zum Nachruf von Sven Crefeld, Die ZeitZum Nachruf im NDRZum Nachruf von Andreas Breitenstein, NZZZum Nachruf von Cornelia Geißler, Berliner Zeitung
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