Ungerechtigkeit
Barrington Moore hat die Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit aus den historisch jeweils vorherrschenden kultur-, gesellschafts- und klassenspezifischen Wertvorstellungen der Menschen heraus zu entwickeln versucht. Moores Untersuchungen bestätigen weitgehend das von Tocqueville angesichts der Französischen Revolution aufgestellte Gesetz, demzufolge Menschen keineswegs immer dann revoltieren, wenn es ihnen schlecht geht. Sie kündigen ihre Unterordnung vielmehr erst dann auf,...
Barrington Moore hat die Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit aus den historisch jeweils vorherrschenden kultur-, gesellschafts- und klassenspezifischen Wertvorstellungen der Menschen heraus zu entwickeln versucht. Moores Untersuchungen bestätigen weitgehend das von Tocqueville angesichts der Französischen Revolution aufgestellte Gesetz, demzufolge Menschen keineswegs immer dann revoltieren, wenn es ihnen schlecht geht. Sie kündigen ihre Unterordnung vielmehr erst dann auf, wenn sie, aus welchen Gründen immer, überzeugt davon sind, es werde ihnen bei einer anderen Organisation der Gesellschaft nicht nur besser ergehen, sondern es sei auch gerecht, daß es ihnen besser gehe. So lautet die an einer Fülle von Beispielen belegte These Moores: nicht die Erfahrung von Schmerz und Leid selbst ist es, die Menschen zu Widerstand bewegt, sondern erst die Vorstellung, daß dieser Schmerz und dieses Leid weder unvermeidlich noch gesellschaftlich reziprok verteilt seien. (Herfried Münkler)
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